Repair work in  Lingua franca

 

 

 

 

 

 

 

Gliederung:

 

 

 

1.                 Einführung

 

2.               Theorie

2.1.             Lingua franca

2.2.                      Reparaturen

 

  1.            Daten und Gesprächskontext

 

  1.            Analyse

4.1.                      Sprachliche Hinweise auf die Nicht- Muttersprachlichkeit

4.2.                      Reparaturen

4.3.                      Sprachliche Auffälligkeiten

 

5.         Fazit und Schluss

 

6.         Literaturverzeichnis

 

 

 

 

 

Umfang:            15 Seiten einschließlich Literaturverzeichnis

 

Anlage:            HIAT- DOS- Transkript „Campus“

                        Tabelle der Aktanten- Distribution bei Reparaturen

 

 

 

1.            Einführung

 

 

„Kommunikation ist immer dem Risiko des Nichtverstehens, Missverstehens und völligen Scheiterns ausgesetzt. In der interkulturellen Kommunikation ist dieses Risiko besonders groß, weil unerkannte Kulturunterschiede  zusätzliche Verstehens- und Verständigungsprobleme verursachen.“[1] Genau diese Probleme des Verstehens und der Verständigung sind die Grundlagen unserer Arbeit in der Interkulturellen Kommunikation. Wir suchen nach Missverständnissen und fehlgeschlagenen Versuchen der Kommunikation, um sie zu interpretieren und analysieren. Erst so haben wir die Möglichkeit, nach dem „Warum“ zu fragen: warum hat die Kommunikation in dem einen Fall geklappt und warum in einem anderen nicht?

In dieser Arbeit soll der Frage nachgegangen werden, wie die Kommunikation zwischen zwei Leuten funktioniert, die sich einer Lingua franca bedienen müssen. Keiner der beiden spricht diese als Muttersprache. Im Laufe des Gesprächs finden Reparaturen auf der sprachlichen Ebene statt. Dieses Repair work ist mein Untersuchungsgegenstand. Dazu gebe ich im Folgenden eine kurze theoretische Einführung (Punkt 2.). Wichtige Grundbegriffe und Definitionen werden hier benannt. Im nächsten Punkt stelle ich die Daten vor, auf denen diese Arbeit aufbaut (3.), die ich in der Analyse untersuche (4.). Abschließend folgt noch eine Konklusion und Diskussion der aus der Analyse gewonnenen Erkenntnisse.

 

2.            Theorie

 

 

In diesem Abschnitt sind die grundlegenden Definitionen und Begriffe, welche die vorliegende Arbeit betreffen, erwähnt. Sind im Verlauf dieser Arbeit weitere nötig, zitiere ich direkt an den entsprechenden Stellen aus der Fachliteratur.

 

2.1.            Lingua franca

 

Eine Lingua franca ist für einen Jeden die Sprache, in der man sich verständigt, ohne dass diese Sprache für einen der Teilnehmer Muttersprache ist. „When speakers do not share each other’s language but can resort to a third language for communicative purposes, they use a lingua franca, a language which is the mother tongue to neither of them.“[2]  Wenn sich also Sprecher verschiedenster Sprachen einer einzigen bedienen, die für keinen von ihnen die Muttersprache ist, dann benutzen sie nach dieser Definition eine Lingua franca. Meierkord sagt weiter: „A lingua franca may be any natural or artificial language which is being used among speakers of different mother tongues. Sie unterscheidet dabei in eine intranationale Lingua franca, wie z.B. Englisch in Indien und Nigeria oder Französisch in Algerien  und eine internationale, wie z.B. der Gebrauch von Englisch zwischen Spaniern und Deutschen. Für die Sprecher der intranationalen Lingua franca ist das Englische, Französische etc. meist die zweite Landes-, bzw. Behördensprache.

 

Für die Analyse eines Lingua franca- Gesprächs ist weiterhin bedeutsam, daß die Normen der eigenen Sprache und die Kulturstandards der Muttersprache eines Sprechers oftmals mit übernommen werden, „Participants in lingua franca conversations are representatives of their individual mother cultures ... they have their individual cultural backgrounds regarding communicative norms and standards.“ Das Denken in der  Muttersprache wird also (teilweise) in die Lingua franca projiziert und weiter: „Their communicative behaviour is not only a reflection of cultural norms. It also represents the individual stages of their interlanguage[3] with its specific characteristics as well as the results of adaptation to the interlocuters.“. Nicht nur die eigenen sprachlichen und kulturellen Normen und Regeln, sondern auch das Sprachverständnis in der Lingua franca und die Anpassung der Interaktanten spielen eine wichtige Rolle.

 

2.2.            Reparaturen   

 

Gegenseitiges Verstehen ist ein Ziel sinnvoller Kommunikation. Das ist jedoch nicht immer einfach, z.B. wenn man nicht in der Muttersprache redet. „Die Sicherung des Verständnisses ist ein ... zweiseitiger sprachlicher Adaptionsprozess.“[4] Der Sprecher wird also bemüht sein, in den verbalen und nonverbalen Mitteilungen seines Gegenübers/ seines Gesprächspartners das Verständnis des von ihm Gemeinten/ Gesagten herauszulesen. Wenn aber etwas nicht verstanden oder mißverstanden wird, dann leiten die Interaktanten (wenn sie es für nötig erachten) eine Reparatur ein. Diese soll der Verständnissicherung dienen. Folgende Reparaturen unterscheidet man:

·        Selbstinitiierte Selbstverbesserung

·        Fremdinitiierte Selbstverbesserung

·        Selbstinitiierte Fremdverbesserung und

·        Fremdinitiierte Fremdverbesserung.

 

Der Ablauf von  Reparaturen lässt sich schematisieren.[5] Ein Äußerungselement steht am Anfang einer Reparatur. Der nächste Schritt ist die Unterbrechung (Intervention), worauf die eigentliche Verbesserung erfolgt. Bei den Fremdverbesserungen schließt sich noch der vierte Schritt der Bestätigung an. Alle Reparaturen haben eins gemeinsam: das Äußerungselement des Sprechers wird mitten im Diskurs unterbrochen bzw. interveniert. Selbstinitiiert bedeutet dabei, dass der Abbruch bzw. die Unterbrechung durch den Sprecher selbst geschieht; fremdinitiiert heißt, dass die Intervention durch den Hörer passiert. Die dann folgende Verbesserung lässt sich bereits aus dem Namen erschließen: eine Selbstverbesserung wird durch den Sprecher vorgenommen, während bei der Fremdverbesserung der Hörer beteiligt ist. Er vollendet die Aussage des Sprechers (und wird in dem Moment selbst zum Sprecher) oder fragt nach und erhält eine Bestätigung  durch den ersten bzw. eigentlichen Sprecher. In der Analyse werden wir  konkrete Beispiele dafür sehen.

 

3.         Daten und Gesprächskontext

 

Das Transkript „Campus“ ist im Rahmen einer Belegarbeit im Sommersemester 2000 an der TU Chemnitz entstanden. In einem Transkript werden reale Gespräche, die man auch als Primärdaten bezeichnet, festgehalten. Mündliche Kommunikation (die flüchtig ist) wird auf dem Weg über Audio- bzw. Videoaufnahmen[6] „verewigt“. Die Verschriftlichung in einem Transkript nennt man auch Tertiärdaten. Das hier vorliegende Transkript ist die verschriftlichte Form eines Gesprächs, welches zwischen einer russischen Aussiedlerin und einem Nigerianer im Mai 2000 stattgefunden hat. Keiner von beiden hat also Deutsch als Muttersprache, aber sie sprechen deutsch miteinander. Somit erfüllen die beiden das Hauptkriterium für diese Analyse: Verständigung in einer Lingua franca. Das in Form eines gegenseitigen Interviews geführte Gespräch ist inszeniert. Die beiden wurden aufgefordert, sich über ein selbstgewähltes Thema zu unterhalten. Das Interview  hat einen informellen Charakter, beide Teilnehmer sind Studenten, die sich allerdings vorher noch nicht kannten und sie tauschen sich über ihr Wissen und ihre Erfahrung mit dem Begriff „Campus“ aus. Die vorliegende, knapp zweiminütige Transkription ist nur ein Teil des Gesprächs, es handelt sich um ein Diskursfragment. Sowohl die Eröffnungssequenz, als auch die Beendigungsphase sind nicht mit transkribiert. Die Atmosphäre des Gesprächs war locker, zwischen den Teilnehmern gibt es keine Hierarchien und auch den Altersunterschied kann man vernachlässigen.[7] Beide Teilnehmer wussten, dass sie aufgenommen werden.

 

Die Tertiärdaten liegen als HIAT- DOS- Transkript vor. Das ist ein Partiturmodell, bei dem sich eine sprachliche Synchronie der Teilnehmer darstellen lässt. Es ist halb- interpretativ, d.h. es werden Dialekte oder foreigner talk genau wiedergegeben. Dazu kann ich in der Analyse auf ein konkretes Beispiel eingehen (Interferenz 4.1.). Die Transkription setzt an der Stelle ein, wo nach ca. einer Minute Begrüßungszeremonie zum ersten Mal das Thema zur Sprache kommt bzw. initialisiert wird. Der Begriff „Campus“ und wie ein Campus in Rußland und Nigeria aussieht, wird durch beide Teilnehmer kommunikativ konstituiert.

 

4.            Analyse

 

4.1.            Sprachliche Hinweise auf die Nicht- Muttersprachlichkeit

 

In diesem Abschnitt möchte ich anhand sprachlicher Besonderheiten beweisen, dass die beiden Teilnehmer Harry (H) und Nadja (N) Deutsch nicht als Muttersprache sprechen. Im ersten Beispiel kann man ein Interferenz- Problem  erkennen: H verwendet das Wort „from“ anstatt „von“. Dabei überlagern sich mutter- und fremdsprachliche Vokabeln (wie das „from“), Satzstellungen oder Intonationen. Ein richtiges „von der Stadt ausgeschlossen“ überträgt er aus seiner Muttersprache[8] Englisch als „from“:

‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑---------------
   H [ , dass Universitäten ist irgendwie ein bisschen from Stadt

16 ‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑-

 

 

Hier  ist auch zu sehen, dass H für die Universitäten im nachfolgenden Verb keinen Plural verwendet. „Universitäten ist irgendwie“ statt „sind irgendwie“. Ein weiteres Beispiel findet man in den Segmenten 31 bis 33:

‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑--------------
   H [ freut man schon /freut man sich schon / un weil das is
   N [                  Aha.
31 ‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑
 ‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑------------------
   H [ anderes Leben, wo man so frei ist un wo man so alles moglich
32 ‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑-----
‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑--------------
   H [  machen kann un                            Ja äh also
   N [            hm, und was heisst alles möglich?       Ist
33 ‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑

 

 

„...un weil das is anderes Leben“ ist hier ohne den unbestimmten Artikel „ein“ formuliert. Das Weglassen von bestimmten und unbestimmten Artikeln im Deutschen kommt häufig bei Muttersprachlern vor, die nur einen Artikel kennen (im Englischen: the/ a). Mit dem Weglassen des Artikels kann einem möglichen Fehler (der Verwendung des falschen Artikels) vorgebeugt werden. In der nächsten Zeile kann man eine weitere Auffälligkeit sehen: „wo man alles moglich machen kann“. Die Intonation von „moglich“ statt „möglich“ und die vorherigen Beispiele („from Stadt“ und Auslassen des Artikels) lässt auf einen Sprecher schließen, der zwar eine erkennbar hohe Kompetenz im Verstehen und Artikulieren der deutschen Sprache hat, aber dennoch als Nicht- Muttersprachler zu erkennen ist. Gestützt wird dies auch durch den bereits erwähnten Umstand, dass H erst seit drei Jahren in Deutschland lebt (siehe Anlage Transkript: Inhaltsangabe).

Im Gegensatz zu H lassen sich bei N Auslassungen und Interferenzen nicht finden. Die sprachliche Kompetenz von N kommt der einer Muttersprachlerin gleich. Auch Verzögerungen oder Pausen, die typisch sind für die meisten Nicht- Muttersprachler, konnte ich nicht entdecken. Pausen stehen ja oftmals als Zeichen für Produktionsprobleme in der Lingua franca, oder als Signale für eine geplante bzw. gewollte Redeübergabe: „Pauses ... may indicate that learners face production problems and pause to solve these. The long pauses between turns can be understood as resulting from their reliance on pauses as turn- taking- signals.”[9] Der einzige Umstand, der darauf schließen lässt, dass N Deutsch nicht als Muttersprache spricht, ist der Akzent. Dieser kann aber anhand des Transkripts bzw. der Transkriptionskonventionen nicht belegt werden.

 

Ein weiteres Merkmal für homileische Gespräche und Nicht- Muttersprachler zugleich ist, dass die Interaktanten eine Gesichtsbedrohung  des Gegenübers oder ein Tabubrechen in der Themenwahl vermeiden wollen. Die Teilnehmer wählen einfach ein ‚sicheres Thema’. Homileische Gespräche sind dabei Gespräche, die nicht institutionell oder auf Wissenserwerb o.ä. ausgerichtet sind, sondern um ihrer selbst willen; zum Spaß geführt werden. Auch der vorliegende, inszenierte Diskurs kann als homileisch eingeordnet werden. Sichere Themen sind solche, bei denen mit geringem sprachlichen Aufwand eine Übereinstimmung mit dem Gegenüber erreicht werden kann. Ein Beispiel hierfür ist, dass sich Männer oft über Sport unterhalten bzw. über den Sport schnell eine gemeinsame Basis finden. Auch das vielzitierte Beispiel: „Das Wetter ist schlecht/ gut/ grauenhaft“ mit all seine Abwandlungen ist ebenfalls eine Themenwahl, mit der man in den meisten Sprachen nichts falsch machen kann. Sichere Themen bieten also oft einen Einstieg in ein Gespräch (wie zwischen H und N), oder auch der sprachlichen Beziehungspflege unter Freunden und Bekannten. Man kann hier feststellen, dass die Wahl eines ‘safe topic’ auch als Hinweis auf Nicht- Muttersprachlichkeit gesehen werden kann.  Meierkord stellt fest: „the preference of ‚safe topics’ can easily be explained as being due to the participants insecurity [and] using only … routine formulae … gives them certainty about not violating any rules.”[10]. ‘Sichere Themen’ und Routineformeln bergen also ein hohes Maß an Sicherheit für die Beteiligten. Im Transkript „Campus“ ist das Leben rund um den Campus und der Begriff selber Mittelpunkt des Gesprächs. Es wurde durch H ein ‚safe topic’ etabliert. Das Thema „Campus“ ist für eine homileische Unterhaltung ein guter ‚starter’ (Startpunkt) und unverfänglich. Man kann damit (im Deutschen) kein Tabu brechen, „Participants will ... avoid any topics that may be taboo and select topics which are known or at least expected to be safe…”[11]. Falls doch ein unklares Thema angesprochen wird, muss dessen Akzeptanz erst unter den Teilnehmern verhandelt werden: „Topics about which this certainty does not exist are avoided. In case a topic is introduced, which is not known to be safe, its acceptability needs to be negotiated with the interlocuters. If it turns out to be unacceptable, it is prone to be cut off after relatively few turns.”[12] Im vorliegenden Gespräch über den Campus wurde das von H initialisierte Thema für akzeptabel befunden und musste nicht erst verhandelt werden.

 

4.2.           Reparaturen 

 

Wie schon in der Theorie erwähnt, schauen wir jetzt auf ein paar konkrete Reparaturen. Die selbstinitiierte Selbstverbesserung:

‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑-----------------------
   ³H [ was heisst Campus, also dieser Begriff Campus bei dir zu
22 ‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑---------

 

H fragt an dieser Stelle, was Campus heisst, hält inne und fährt fort mit: „...also dieser Begriff Campus...“. Er beginnt eine Frage zu stellen, unterbricht sich selbst dabei (sprecherinitiierte Intervention) und formuliert die Frage anders. H präzisiert, indem er die Begrifflichkeit des Wortes „Campus“ (auf Russland bezogen) erfahren will. Dass er seine Frage präzisiert, liegt vermutlich daran, dass H seine ungenaue Fragestellung erkannte und so noch rechtzeitig neu formulieren konnte. Diese Passage findet ohne einen Eingriff von N statt, somit handelt es sich hierbei um eine selbstinitiierte Selbstverbesserung. Um eine solche geht es auch im folgenden Beispiel:

 ‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑----------------------
  H [ freut man schon /freut man sich schon / un weil das is
  N   [                       Aha.
31‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑-----------
H sagt: „...freut man schon“, unterbricht sich erneut, weil er erkennt, dass in der Lingua franca Deutsch, die er gerade spricht, noch das reflexive Wort „sich“ fehlt und verbessert sich selbst: „...freut man sich schon...“. In den beiden Beispielen sind die drei Kriterien für selbstinitiierte Selbstverbesserungen erfüllt: 1. der Sprecher äußert etwas, 2. er unterbricht sich selber (Intervention) und 3. der Sprecher verbessert sich selber bzw. formuliert die ursprüngliche Äußerung um. Auch in diesem Beispiel erfolgt die Reparatur, weil H bemerkte, dass das Verbum „freuen“ in der deutschen Sprache einen Bezug braucht (ich freue mich, er freut sich). Da H schon eine hohe Sprachkompetenz im Deutschen besitzt, ist er in der Lage, diesen Fehler zu erkennen und sich selbst zu verbessern (selbstinitiiert). 

 

Die fremdinitiierte Fremdverbesserung. Sehen wir auf das Beispiel:

‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑---------------

H [ anderes Leben, wo man so frei ist un wo man so alles moglich
32 ‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑-

‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑-----------
H [  machen kann un                            Ja äh also                   N [            hm, und was heisst alles möglich?       Ist
33 ‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑

‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑------------------
H [                                Ja, ja genau, das ist die Sache[13].
N [ man unabhängig von Eltern oder was heisst/

34 ‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑-------

Hier spricht H davon, dass man an der Universität frei ist und alles möglich machen kann (Segmente 32,33: „frei...moglich“). Das ist das Äußerungselement des Sprechers. Die Intervention durch N beginnt als Frage: „...was heisst alles möglich?“. Hier erfolgt schon eine Mini- Reparatur: aus dem „moglich“ macht N umgehend das „möglich“ mit deutlich hörbarem Umlaut. Während nun H sich nicht selbst verbessert bzw.  nicht sofort eine Erklärung parat hat („Ja, äh also“), zeigt N eine denkbare/ wahrscheinliche Lösung an; sie fragt: „Ist man unabhängig von Eltern oder was...?“. Mit dieser Frage erfolgt die Fremdverbesserung (durch N wird H’s Aussage über die Freiheit an Universitäten präzisiert). Auch hier stellt sich die Frage: warum redet sie weiter? Mit ihrer Frage: „Ist man unabhängig von Eltern...? antizipiert N eine vermutete bzw. wahrscheinliche Antwort. Ihre aus dem Kontext gewonnenen Erkenntnisse haben in ihr möglicherweise die Erwartungshaltung ausgelöst, dass  H  die Unabhängigkeit von den Eltern betonen würde. Also nimmt sie das sprachlich vorweg. Denkbar ist ebenfalls, dass für den Nigerianer eine sehr indirekte Form der Kommunikation in Frage kommt. In dem Fall würde er Informationen ‚häppchenweise‘ Stück für Stück anbieten und schauen, wie ein Gegenüber darauf reagiert. Fragt der Gegenüber nach, vollendet er den Satz selber, oder übergeht er einfach das dargebotene Angebot zur (weiteren oder vertieften) Information. Das könnte man auch als Suche nach einem gemeinsamen (Kommunikations-) Weg deuten.

Die fremdinitiierte Selbstverbesserung ist die letzte Reparatur, die ich in dieser Hausarbeit vorstelle. Das Beispiel:

‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑---------------
 H [  da hat, also kein /kein Bus keine ah`einfach andere Leben.
18 ‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑-

‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑-----------
 H [  Also Studenten hat nur/              Ja, und die /die
 N [             hm`          nur Studenten?
19 ‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑

‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑-------------
 H [ Mitarbeiter oder sowas. Also wenn man an die Universität
20 ‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑

 

 

 

Bei dieser Form der Reparatur folgt auf eine Äußerung oder wie hier mitten in den turn von H hinein die Intervention durch den Hörer: „nur Studenten?“. Die Unterbrechung dient der hörerseitigen Verständnissicherung und Klärung des zuvor von H Gesagten. Das dritte und letzte Kriterium für eine fremdinitiierte Selbstverbesserung ist die Selbstverbesserung durch den Sprecher, die man in Segment 19/20 findet: „Ja, und die/ die Mitarbeiter...“. Warum erfolgte hier die Intervention von N? Die in meinen Augen wahrscheinlichste Erklärung ist, dass die Aussagen ab Segment 17 vielleicht etwas konfus wirken („andere, andere Leben“, „kein Bus keine ah einfach...“). H könnte Probleme im sprachlichen Produktionsprozess haben, oder sich gerade in einem momentanen Vokabelnotstand befinden. In einem solchen Fall käme eine Unterbrechung oder Pause genau richtig, denn „Much more than native speakers, [lingua franca speakers] need to pause during their utterances.“[14]  Letztlich könnte sich N bewusst oder unbewusst entschlossen haben, einzugreifen. Somit kann diese Unterbrechung einerseits der ‚Rettung’ bzw. der Verbesserung des Sprechers, andererseits der Sicherung des Verständnisses von Hörerin N gedient haben.

 

 

 

4.3.           Sprachliche Auffälligkeiten

 

Gleich zu Beginn des Transkripts taucht das Problem der noch nicht geklärten Beziehungsebene auf. Die beiden Teilnehmer finden gerade zum gemeinsamen Gespräch, von H wurde das Thema „Campus“ soeben initialisiert:

 

‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑----------
H [ mal gerne wissen, wie es aussieht bei/ bei dir zu Hause
3 ‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑

‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑------------
H [ in Russland. Also wir können uns jez mal du-dusen. Oder?
N [                                                    Genau
4 ‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑
‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑------------
H [           ha ha ha
N [ . Sicher. ha ha ha mit Sicherheit. In Russland mh ehm ja
5 ‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑‑

 

 

Er duzt N in der Frage („bei dir zu Hause“), die intonatorisch nicht als solche zu erkennen ist und hängt daran nahtlos an: „Also wir können uns jetzt mal du-dusen. Oder?“. An dieser Stelle wird deutlich, dass der Nigerianer (native- english) bemerkt, dass die Beziehungsebene noch nicht eindeutig geklärt ist. Im Englischen gibt es das Problem des Duzens/ Siezens nicht. Demgegenüber ist es im Deutschen ein ‚Muss’, die Duz- Frage zu klären. Das nennt man auch die Kulturspezifik im Anredeverhalten.[15] Mit dem Gebrauch von ‚Du’ oder ‚Sie’ wird soziale Distanz, Status und Respekt angezeigt. Mit der Nachfrage von H ist klar, dass er um dieses kulturspezifische Anredeverhalten im Deutschen weiß.

Interessant ist die Tatsache, dass H zuerst duzt und dann mittels eines Exkurses auf der Beziehungsebene Klarheit schafft: „jez mal dusen (H)...sicher. ha ha ha mit Sicherheit.“(N). Diese Reihenfolge legt nahe, dass es sich auch hier um eine Reparatur handelt: eine Anredereparatur in einer Lingua franca. Diese Nachfrage ist ein Einschub und setzt den laufenden Diskurs kurzzeitig aus. Erst bei: „In Rußland ehm...“ wird das eigentliche Thema fortgeführt.

 

5.         Fazit und Schluss

 

Nichtmuttersprachliche Sprecher einer Lingua franca haben das eingangs schon erwähnte besondere Kennzeichen, dass sie ein Gespräch  in einer Sprache führen, deren Kuturspezifik bzw. kulturelle Normalerwartung sie unterschiedlich gut kennen. Der eine mag einen geringeren Wortschatz haben, ist aber mit den kulturellen Gewohnheiten und Konversationsstilen der Lingua franca vertraut, während ein anderer einen großen Wortschatz hat, aber aus Gründen von Religion, Erziehung und andersartigen (Sprach-) Normen  ständig gegen die Normalerwartung verstößt und Missverständnisse provoziert. „Lingua franca ... is highly heterogenous... It has already been demonstrated that in lingua franca conversations, speakers establish a very own conversational style.“ Nicht anders ist es auch im bearbeiteten Transkript: die Teilnehmer haben einen eigenen Hintergrund, eigene Konzepte und Ideen etwas auszudrücken. Sie haben eine unterschiedliche Sprachkompetenz und auch ‚kulturelle Kompetenz‘. Das alles trägt mit zu einem sehr eigenen Konversationsstil bei, den Lingua franca- participants bilden. Die Teilnehmer schaffen sich eine eigene (lingua franca-) Wirklichkeit. Hier war es ein inszenierter small-talk, an dessen Anfang gleich eine Reparatur der Anrede stand. Die wahrscheinliche Ursache ist eine Interferenz aus der Muttersprache von H. Im Englischen gibt es keine Du/ Sie- Unterscheidung, es findet ein ‚Sprachtransfer‘ aus der Muttersprache statt, „...to regard them as being interferences from the speakers‘ mother tongues ... cultural transfer is evident...“.

Für die anderen Reparaturen trifft hauptsächlich der Verständnischarakter in den Vordergrund: es wird von beiden Seiten repariert, wenn eine Aussage nicht präzise genug (selbstinitiierte Selbstverbesserungen) oder für den Hörer unklar erscheint (fremdinitiierte S.). Bei der fremdinitiierten Fremdverbesserung („unabhängig von Eltern?“) erarbeiten sich die Lingua franca- Sprecher den Inhalt bzw. die Aussage gemeinsam: „Ja, ja genau, das ist die Sache.“(H). Die Reparatur war in diesem Fall also Teil dessen, was man als Annäherung an die zentrale Aussage bezeichnen kann: „the participants collaboratively work out the content of what [Harry] wants to express...“ Man nähert sich der Aussage und erarbeitet das in gemeinsamen Schritten (Fragen, Interventionen, Reparaturen). Im vorliegenden Beispiel hat das gut geklappt, die Intention dessen, was H meinte, ist von N verstanden und ausgesprochen worden. Das kann in anderen Lingua franca Gesprächen ganz anders aussehen. Und damit bin ich schon am letzten Punkt dieser Arbeit angelangt: die hier untersuchten Reparaturen haben keine allgemeine Gültigkeit für andere Lingua franca Gespräche. Die Teilnehmer, deren Sprachkompetenz und Kenntnisse bezüglich kultureller Normalerwartungen in der Lingua franca und wiederum daraus resultierender Interferenzen sind so komplexe Umstände, dass sich allgemeine Aussagen kaum ableiten lassen.

 

6.            Literaturverzeichnis

 

Hoffmann, Ludger (Hrsg.), Sprachwissenschaft: ein Reader, Berlin; New York: de Gruyter, 1996

 

Knapp- Potthoff, Annelie; Knapp, Karlfried, Fremdsprachenlernen und –lehren: Einführung in die Didaktik der Fremdsprachen vom Standpunkt der Zweitsprachenerwerbsforschung, Stuttgart, Berlin, Köln, Mainz: Kohlhammer, 1982

Meierkord, Christiane, Interpreting successful lingua franca interaction, An analysis of non- native/ non- native small talk conversations in English, Erfurt,1999

Rehbein, Jochen, 1985, zitiert aus Seminarunterlagen

 

Rost- Roth, Martina, 1994: Seminarunterlagen

Thije, Jan ten, Seminarunterlagen: “Transkripte interpretieren”, Technische Universität Chemnitz, SS 2000     



[1] Knapp/ Knapp- Potthoff 1990

 

[2] alle Zitate für 2.1. von Meierkord 1999

[3] Interlanguage is here used interchangeably with the term learner language (vgl. Kasper 1981: 29)

[4] vgl. Rehbein 1985

[5] vgl. Tabelle der Aktanten- Distribution bei Reparaturen, Seminarunterlagen „Transkripte interpretieren“, SS 2000, TU Chemnitz

[6] diese werden auch als Sekundärdaten bezeichnet

[7] schätzungsweise sind beide Teilnehmer Anfang bis Mitte Zwanzig

[8] Der Autor nimmt hier Englisch als Muttersprache an. Da Werdegang und Schulbildung von H nicht bekannt sind, kann eine klare Aussage hierzu nicht getroffen werden, da sich bei Nigeria um ein Land mit einer intranationalen Lingua franca handelt. H besitzt aber eine sehr hohe Sprachkompetenz im Englischen.

 

 

[9] Meierkord 1999

[10] using only... vgl. Tannen und Öztek (1981) aus Meierkord 1999

[11] vgl. Larsen- Freeman und Long 1991

[12] wie Fußnote 11 aus: Meierkord 1999

[13] Aus softwaretechnischen Gründen habe ich das letzte Wort des Satzes („das ist die Sache.“) noch mit in das Segment 34 geschrieben. Im Anhang findet sich das Wort erst in Segment 35. Die  Synchronizität wurde dadurch jedoch  nicht verändert.

[14] Meierkord 1999

[15] Rost- Roth 1994, Kontrastive Pragmatik